Datenjournalismus: Alles nicht ganz neu.

Die Selbstgefälligkeit der Netzöffentlichkeiten ermüdet mich gelegentlich. (Schließlich weiß ich es eh auch besser.) Erfahrungsgemäß hilft gegen Eitelkeiten eine historische Perspektive.

1967 war das Jahr der Detroit Riots. Nach einem Polizeieinsatz brachen Unruhen aus, in deren Verlauf 43 Menschen starben. Ein Team der Detroit Free Press fragte sich, was die Ursachen seien – und wandte für die Beantwortung sozialwissenschaftliche Methoden an.

Zur Datenauswertung wurden Computer eingesetzt. 1967. Die Idee zu dieser Vorgangsweise hatte der Journalist Phil Meyer, der im Jahr zuvor Niemann Fellow in Harvard gewesen war und sich dort mit Methoden empirischer Sozialwissenschaften vertraut gemacht hatte.

Das Ergebnis: „The People beyond 12th Street“, eine detaillierte und bis heute zitierte Analyse, die zeigte, dass es keine Korrelation zwischen Einkommen oder Bildungsniveau mit der Bereitschaft zur Teilnahme an den Unruhen gab. Auch wurde die landläufige Annahme widerlegt, dass die Aufstände von neuen Zuwanderern aus dem Süden angeheizt worden waren. Vielmehr waren, wie belegt werden konnte, Brutalität der Polizei, schlechte Wohnbedingungen und Arbeitslosigkeit die Hauptursachen. (Zu den Unruhen siehe hier.)

(Den Artikel gibt es hier in voller Größe)

Phil und sein Team erhielten für dieses frühe Stück CAR einen Pulitzer-Preis.

Gleich danach begann Phil mit der Arbeit an seinem Buch „Precision Journalism“, mittlerweile ein Klassiker. Vieles, was darin steht, ist bis heute gültig.

Die Debatte über Datenjournalismus wurde also spätestens vor 45 Jahren angestoßen. Da sollten wir schon über jenen Daten- und Grafikfetischismus hinaus sein, der gelegentlich – ganz subjektiv und ohne Anspruch auf Repräsentativität – in der Debatte zu beobachten ist.

Wichtiger als Datenwälzen und -visualisieren als art pour l’art ist, was Phil Meyer anlässlich eines Vortrags bei den Hedy Lamarr Lectures in Wien im letzten Jahr betont hat: Die Verbindung von „Precision Journalism“ und „Narrative Journalism“, also von fundierter sozialwissenschaftlicher, quellenkritischer, statistischer Kenntnis mit dem journalistischen Blick für die „G’schicht“.

Der „Guardian“ ist nicht umsonst, wie in vielen Bereichen journalistischer Innovation, auch beim Datenjournalismus Vorreiter. Im Jahr der London Riots diskutierte man dort, welche „lessons for the UK“ man in einer Redaktion in London 2011 aus Detroit 1967 ziehen könne. Das Ergebnis zeigt: Der Blick zurück lohnt.

Hier gehts zu twenty.twenty

 

Und hier zum Video von der Diskussion.




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