Faszinierend schreiben

Marie Lampert lehrt im fjum Storytelling-Kurs, wie man packende Geschichten journalistisch erzählt. Eine Nachschau von Teresa Arrieta.

Marie Lampert, fjum Storytelling

Marie Lampert

Es gibt diese Texte, an denen man kleben bleibt, bei deren Lesen man vergisst, rechtzeitig aus der U-Bahn auszusteigen oder das Essen anbrennt. Wie gelingt es, so zu schreiben? Mit Storytelling – der Kunst des Geschichten-Erzählens. Alle subjektiven Formen wie Feature, Essay, Porträt und ihre Mischformen können mit Mitteln des Storytellings gestaltet werden. Selbst Nachrichten und Berichte können Story-Elemente enthalten und werden dadurch verständlicher und anschaulicher. Die gute Journalistin lässt Leser teilhaben an einer Entwicklung. Am Schluss ist etwas anders als am Beginn. Ein Held scheitert oder erreicht sein Ziel. Oder die Reporterin hat etwas verstanden, was sie vorher nicht wusste.

Die Zutaten für Storytelling sind vielfältig, je nach Bedarf: bewährte Erzählmuster, ungewöhnliche Perspektiven, radikale Einfühlung, sprachliche, literarische, dramaturgische Mittel. Die packende Story personalisiert, emotionalisiert, spannt Bögen. Sie findet Wendepunkte, Schlüsselszenen und Konflikte. Sie macht Anleihen in der Literatur, beim Film oder beim Drehbuchschreiben. Hier einige Tipps:

1. Such das Drama

Was ging in einem Menschen vor, bevor er eine schicksalshafte Entscheidung trifft? Als er zögert? Es gilt, emotionale Momente in einem Thema aufzuspüren, den Leser mitfiebern zu lassen.

2. Lesen, hören, schauen

Je mehr Geschichten wir uns einverleiben, umso sicherer wird unser Gefühl für Bögen, für Dramaturgie, für Sprache. Unser Gehirn ist nämlich eine Regelextraktionsmaschine. Wenn es viele Beispiele verarbeitet, leitet es sich Regeln ab. Auf diese Regeln greift es zurück, wenn es eigene Geschichten machen soll. Dieser Lernvorgang läuft unbewusst ab. Deshalb können manche Autoren toll schreiben, aber nicht erklären, wie sie arbeiten

3. Sei sinnlich

Wie hat es gerochen, welche Farbe hatte das Holz, wie bewegt er seinen Kopf, wie schaut es in ihrem Auto aus?

4. Wähle deinen Helden

Mit einem Protagonisten gehen wir gern in unbekannte Gegenden. Menschen sind der kürzeste Weg zwischen den Lesern und einem Thema. Der Held ist derjenige, durch dessen Brille wir schauen, in den wir uns einfühlen, der uns in seine Welt mitnimmt. Das muss nicht zwingend die Hauptperson eine Handlung gehen – es kann weitaus spannender und sinnvoll sein, die Geschichte durch die Augen einer Randfigur zu erzählen: der Gerichtsschreiber statt der Mörder etwa. Der Held durchläuft im Zuge der Story ein Wandlung.
Beispiel: Danke. Und Tschüss

5. Schmerzhaftes Weglassen und heilsames Fokussieren

Erzählen tut weh, denn Erzählen heißt weglassen. Liest man eine kristallklar erzählte Geschichte, lohnt es sich immer, zu fragen: Was hat die Autorin weggelassen? Der klare Fokus entsteht genau so.
Beispiel: Zimmermanns zwei Seiten 

6. Die Mindmap des Aristoteles

Ein Instrument, mit dem das Potenzial eines Themas untersucht werden kann. Man zeichnet systematisch mögliche Hauptpersonen, mögliche Orte, mögliche Handlungen oder Entwicklungen bildlich auf, die im Zusammenhang mit dem Thema eine Rolle spielen können. Und entscheidet sich für jene Story, die Neues bietet, jenes Detail, das den Geist der Leser kitzelt.

7. Entwickle Baupläne

Wechsel von Szenen und Fakten: wie viel Emotionen und Bilder benötigt ein Text, um auch trockene Fakten und Informationen verdaulich zu portionieren? Und wann ist der richtige Moment dafür?

8. Formuliere deine Botschaft

Was will ich den Lesenden vermitteln? Was sollen sie verstehen, wie sollen sie mitfühlen, miterleben, sich erinnern?

9. Entwickle Erzählstrategien

Rückblenden, verkehrt aufgezäumte Abläufe, doppelte Handlungsstränge die sich am Ende einer Geschichte treffen.
Beispiel: Mamour, mon amour

10. Bleib konkret

Von der Metaebene (Politik, Gesetzesreform) in die persönlichen Details: die betroffene Alleinerziehende, die im Supermarkt steht.

Die nächsten Kurse mit Marie Lampert im fjum:

Bessere Texte – mit Perspektive 21.06.2018 – 22.06.2018
Gute Texte schreiben – der „Wow“ Effekt 24.10.2018 – 25.10.2018




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