„Journalismus ist keine Geheimwissenschaft“

Wie man an geheime Akten kommt und was Reporter damit tun können: Florian Klenk, einer der bekanntesten investigativen Journalisten Österreichs, hat Antworten auf diese Fragen. Zuletzt gab Klenk das zweitägige Rechercheseminar „Recherche: Wie man an geheime Akten kommt… und was man damit nicht tun sollte“ am fjum_forum journalismus und medien. Eva Reisinger, Teilnehmerin in diesem Kurs, führte mit Klenk ein Gespräch über die Zukunft des Investigativjournalismus, über Reporter als politische Aktivisten, Instrumentalisierungen durch Litigation-PR und seinen öffentlich ausgetragenen Streit mit HC Strache.

Das Recht auf Information ist ein journalistisches Grundrecht – gibt es in Österreichs Medienlandschaft ausreichend Bewusstsein dafür?

Klenk: Wir sind geschichtlich geprägt und stehen in einer Tradition für die Herrschenden zu berichten. Das Verständnis, dass wir heute Vertreter einer Bevölkerung sind, die Fragen an die Herrschenden stellen kann, ist noch nicht in unserem Denken verankert. Die Amerikaner verstehen die Presse zum Beispiel viel stärker als eine Institution, die die Aussagen der Mächtigen in Frage stellt. Dort wird nicht nur das verlautbart, was die von sich geben, sondern auch hinterfragt. Das ist eine Denkweise, die wir adaptieren sollten. Wir sind keine Hofberichterstatter, sondern Volksberichterstatter. Wenn beispielsweise die Polizei bei einer Pressekonferenz sagt, dass es einen Schusswechsel am Gürtel gab, dann steht das am nächsten Tag 1:1 in der Zeitung. Selten schreiben Journalisten, dass die Polizei das so angegeben hat und noch weniger Journalisten hinterfragen, ob es tatsächlich einen Schusswechsel gab, ob beide geschossen haben und beide bewaffnet waren.

Wie hat sich die journalistische Denkweise in den letzten Jahren entwickelt?

Klenk: Sie entwickelt sich seit 40 Jahren. Man sollte sich den Spaß machen und auf Youtube alte „Zeit im Bild“-Folgen anschauen. Das sind in Wirklichkeit OTS- Aussendungen, die mit Bildern hinterlegt wurden. Die „Zeit im Bild“ der 80er Jahre war nichts anderes als die Verlautbarung von dem, was die Politiker von sich gaben. Wir müssen begreifen, dass auch im Bereich des Justiz- und Skandaljournalismus oft nur das verlautbart wird, was uns jemand zusteckt. Darum ist das Hauptziel meiner Seminare: dass Journalisten begreifen, dass es viele unterschiedliche Interessen gibt, die uns geschickt instrumentalisieren.

Wer instrumentalisiert uns?

Klenk: Naja, wer gibt mir Akten? Der Anwalt, der PR-Beauftragte, das Opfer, der Beschuldigte, vielleicht auch der Täter, der keiner sein will. Jeder, der mir Informationen und Akten gibt, hat ein gewisses Interesse. Das muss uns bewusst sein. Dass wir durch die Gerichtsgänge schlendern und eine interessante Geschichte und ihre Akten zufällig finden, ist der seltenste Fall. Meistens tritt jemand an uns heran um uns zu instrumentalisieren — für gute oder für schlechte Zwecke. Die Instrumentalisierung allein ist nicht schlimm, sie muss uns aber bewusst sein. Dann können wir auch damit arbeiten.

Warum teilen Sie ihr Know-How und Wissen mit der Konkurrenz?

Klenk: Ich glaube, dass die Zukunft des Journalismus und besonders des investigativen Journalismus in einer totalen Professionalisierung liegt. Wir müssen lernen, wie wir kooperieren können und wie die Spielregeln und das Handwerk dabei funktionieren. Früher hat man das im eigenen Medienhaus gelernt, heute ist das nicht mehr so. Außerdem habe ich lieber mit Journalisten zu tun, die ihr Handwerk beherrschen und kann Kollegen dadurch kennenlernen. Es steht also auch ein egoistischer Gedanke hinter meinen Seminaren. Ich sehe wie die junge Generation arbeitet. Journalismus ist schließlich keine Geheimwissenschaft, wir sollten ihn gemeinsam professionalisieren.

Sie und der „Falter“ waren Teil des journalistischen Netzwerks rund um die Panama Papers. Werden internationale Kooperationen die Zukunft des Journalismus sein?

Klenk: Auf jeden Fall. Wir haben durch eine internationale Kooperation die nationale Konkurrenz ausgeschaltet, da jeder für ein Land stellvertretend gearbeitet hat. Das war ein großer Vorteil. Wir mussten uns nicht streiten, wer was als erstes veröffentlichen darf, sondern haben die Geschichten alle gleichzeitig publiziert. Ich glaube, dass darin die Zukunft des Journalismus liegt. Das heißt nicht, dass wir alle das Gleiche schreiben oder recherchieren sollen, sondern lernen zu kooperieren. In Deutschland sind Recherchenetzwerke unter Journalisten etwas Alltägliches. Das  sollten wir uns in Österreich auch aneignen.

In Ihrem Seminar haben Sie Journalisten in die Kategorien „Schoßhunde, Hyänen und Watchdogs“ unterschieden. Was genau meinen Sie damit?

Klenk: Die Hundemetapher ist natürlich ein sehr plakativer Vergleich. Ich erzähle das in jeder Vorlesung, um zu zeigen, dass es DEN Journalisten schlichtweg nicht gibt. Sondern viele unterschiedliche Figuren. Die Schoßhunde haben das Interesse sich anzudienen und wollen gestreichelt werden, die Hyänen laufen kläffend und beißend herum und die Watchdogs streben nach einer eine Kontroll- oder Wachfunktion. In Wahrheit sind wir natürlich alle eine Mischung aus diesen Hunden, Mischlinge also. Auch ich selbst. Ich glaube aber, dass die Rasse des Schoßhunds leider zunimmt.

Warum das?

Klenk: Journalisten haben heute keine Zeit und Kraft mehr etwas zu bewachen und werden dadurch zur leichten Beute für Agenturen und andere Interessenvertreter. Die meisten schreiben einfach das, was sie bekommen. Wir waren jetzt gerade bei einem Vertreter der Litigation-PR, der uns offen erzählt hat, dass er Akten auf einer Seite zusammenfasst. Warum tut er das? Ganz einfach: Weil er unsere Arbeit macht. Wir müssen uns aber bewusst sein, dass er keinen objektiven Artikel für uns schreibt, sondern die Interessen seines Mandanten vertritt. Das ist auch legitim, aber ich muss das eben wissen. Viele unsere Kollegen wissen es nicht, oder sie wissen es und es ist ihnen egal. Es wäre sicherlich eine lustige Forschungsarbeit zu beobachten, wie die Aussendung einer Agentur am nächsten Tag in den Zeitungen und Onlineportalen übernommen wird.

Die PR-Agenturen verstehen ihr Handwerk?

Klenk: Ja, sie machen ihren Job sehr geschickt und professionell. Mein Lieblingsbeispiel sind die Tierschützer, die mich massiv angegriffen haben, weil ich es gewagt habe, mit dem Vertreter einer Handelskette ein Gespräch zu führen. Ich habe mir seine Lage angehört und die Bilder von eingeschlagenen Fenstern und dem Vandalismus der Tierschützer angesehen. Die Tierschützer führen eine exzellente Litigation-PR und haben grundsätzlich das Glück, dass die meisten Journalisten mit ihren Anliegen sympathisieren. Auch ich habe mit ihnen sympathisiert, aber man darf trotzdem nicht vergessen, die Gegenseite zu fragen. Das ist ganz wichtig und unsere Aufgabe. Auch wenn das manchmal unangenehm ist oder wir angefeindet werden.

Wie schafft man es objektiv zu bleiben, wenn man mit einer Seite sympathisiert?

Klenk: Natürlich bin ich zum Beispiel auf der Seite von Frauen, die Opfer von Frauenhandel werden. Das heißt aber nicht, dass ich nicht beiden Seiten zuhören muss. Oft existiert eine große Versuchung, selbst Aktivist zu werden. Ich darf natürlich auch Aktivist sein, aber ich muss es sauber benennen und trennen von meinem Journalismus. Das ist auch ein großes Problem in der Flüchtlingsberichterstattung. Ich habe große Sympathien für viele Flüchtlinge, die rechtlich gesehen keine Berechtigung haben, hier zu sein. Ich setze mich für sie privat ein, aber in meiner journalistischen Arbeit und der damit verbundenen Frage, ob ihnen Unrecht getan wird oder nicht, muss ich klar sagen, dass sie aus rechtlicher Sicht nicht hier bleiben dürfen. Ich kann natürlich trotzdem moralisch für sie argumentieren.

Wo ist für Sie die Grenze zwischen Aktivismus und Journalismus?

Klenk: Ich versuche immer beide Seiten zu hinterfragen. Die Grenze ist überschritten, wenn ich die Argumente einer Seite hinnehme und nicht mehr hinterfrage. Das heißt aber nicht, dass ich plump, „He said, she said“-Journalismus betreiben muss. Ich versuche in meinen Artikeln zu einem Ergebnis zu kommen, mich dabei aber nicht von einer Seite manipulieren oder instrumentalisieren zu lassen.

Ist Ihre Aufforderung an Heinz-Christian Strache, einen Drogentest zu machen, nicht deutlich in die Richtung von Aktivismus abgedriftet?

Klenk: Ich würde eher sagen, auf die Ebene des Klamauks. Es ist nie in unsere Zeitung gekommen, das ist mir ganz wichtig. Ich habe mich zu einem satirischen Tweet hinreißen lassen, für den ich mich auch entschuldigt habe. Ich wollte dann aber nicht kneifen und dachte mir, da geh‘ ich jetzt hin, mache einen Drogentest und schaue, wie weit Strache geht. Ich wollte mich gleichzeitig auch über das derzeitige Transparenz-Theater lustig machen.

Wie sehen Sie die Aktion heute?

Klenk: Für mich ist der interessanteste Punkt daran, dass ich das Ganze über das hauseigene Framing der Freiheitlichen gespielt habe. Ich habe die ganze Zeit über „Strache“ und „Drogen“ gesprochen und darum musste er zwei Wochen lang Fragen zum Thema Drogen beantworten. Ich habe durch ein gezieltes Framing das Thema Drogen zu Straches unfreiwilligem neuen Thema gemacht. Normalerweise benutzt die FPÖ diese Methode, dieses Mal hat sich Strache selbst dazu hinreißen lassen. Eigentlich hätte er darüber stehen müssen. Ja, das war eine Woche des Klamauks. Ich halte das weder für eine große journalistische Leistung, noch für ein großes Drama. Ich habe die Aktion selbst gestartet, also ja, insofern war es auch Aktivismus.

Heinz-Christian Strache geht einen Schritt weiter und sagt in einem Facebook-Video, dass Ihr Ziel die Diffamierung der freiheitlichen Partei und seiner Person sei.

Klenk: Ich verhehle nicht, dass ich die FPÖ nicht wähle und von ihr eine sehr schlechte Meinung habe. Mein Ziel ist es trotzdem, sie journalistisch fair zu behandeln. Das ist natürlich schwer, wenn eine Partei jeden Tag eine Hetzjagd auf jemand eröffnet. Ich will aber keine Partei vernichten, sondern lieber kritisch über sie schreiben.

Eines der neuen Trendwörter neben Lügenpresse scheint derzeit „postfaktisch“ zu sein. Leben wir in einem postfaktischen Zeitalter?

Klenk: Diesen Vorwurf halte ich für keine Neuheit. Wir leben schon lange in einem postfaktischen Zeitalter. Vor 20 Jahren hat Haider bereits Dinge behauptet, die einfach nicht wahr waren. Gelogen ist in den Machtpositionen schon immer geworden. Die organisierte Lüge ist schon lange verbreitet. Neu ist, dass man heute sehr schnell ein Echo bekommt. Umgekehrt kann man sich rasch ein Bild verschaffen, was wahr ist und was nicht. Früher hat das am Stammtisch stattgefunden, jetzt passiert der Stammtisch digital. Ich halte das für keine große Tragik.

Was muss ein Journalist heute können, um erfolgreich zu sein?

Klenk: Ich glaube, er sollte einen Beruf lernen. Das sage ich gegen mein eigenes Interesse, da ich selbst an der FH Wien unterrichte, aber ich glaube dass Journalisten einen Beruf lernen müssen, bevor sie eine Journalistenschule besuchen.

Wie könnte das genau aussehen?

Klenk: Ich hätte gerne Journalistenschulen, die so funktionieren wie die Wiener Berufsfeuerwehr. Ich kann dort nur hin, wenn ich vorher schon einen ganz anderen Beruf gehabt und gelernt habe. Sie sollten Medizin, Recht, Finanzwissenschaft, Steuerrecht, Geschichte, Politologie, Chemie, Stadtplanung oder was auch immer Sie interessiert, studieren, um so in einer Materie Fuß zu fassen. Ich glaube, dass dieses große Prekariat, das wir im Medienwesen haben, auf der einen Seite natürlich damit zusammenhängt, dass die Medien zu wenig Geld haben. Aber auf der anderen Seite auch damit, dass es zu wenige Spezialisten gibt.

Warum braucht der Journalismus Spezialisten?

Klenk: Sie können mir etwas erklären und sind darum unentbehrlich. Ich würde jedem raten, der Journalist werden will: Studier‘ erst mal ein Fach. Bilde dich, damit du die Basis lernst, worüber du schreibst. Danach noch eine kurze, effiziente Journalistenausbildung, wo man das Handwerk des Schreibens, des Schneidens, des Online-Journalismus professionalisiert und Kontakte in die Branche knüpft. Die reine Journalistenschule befugt einen selten dazu sein Thema zu finden. Ich halte sie für eine Sackgasse.

 

Dr. Florian Klenk, geboren 1973, ist Journalist und Jurist. Er arbeitete acht Jahre für die Wiener Stadtzeitung Falter und wechselte dann als Redakteur zur ZEIT nach Hamburg. Seit Mai 2012 ist er Chefredakteur des Falter. Für seine journalistische Arbeit wurde er u.a. mit dem Kurt-Vorhofer Preis, dem Claus Gatterer Preis und dem Concordia Preis für Menschenrechte ausgezeichnet. 2005 wurde er von einer Jury zum Journalist des Jahres in Österreich gewählt. 2007 wurde Klenk zum “investigativen Journalist des Jahres gewählt”. Im Mai 2008 gewann er den von Alice Schwarzer verliehenen Emma-Männerpreis über eine Reportage über Frauenhandel.

Das Gespräch führte fjum_Kursteilnehmerin Eva Reisinger.




Die Kommentarfunktion ist geschlossen.