Maden zum Steak?

Postings und Online-Kommentare stellen Redaktionen vor ein kniffliges Problem. Sie können Zusatzinformationen, Diskurs und Vertiefung sein – oder eine Beleidigung von Intellekt, LeserInnen und AutorInnen. Die Debatte poppt gerade wieder mal auf. Ein Überblick.

Der Journalist und Satiriker Gene Weingarten meinte vor einigen Jahren in seinem Blog in der Washington Post: „Grundsätzlich mag ich ‚Kommentare‘, aber sie können ein bisschen irritierend sein: Hasstiraden, die an ein Produkt angehängt sind, das sich um Objektivität und Würde zumindest bemüht. Es ist, als würde man ein Sirloin Steak bestellen und es mit einer Beilage aus Maden serviert bekommen.“

Nutzen und Schaden

Selten wird es so radikal formuliert: Welcher Autor möchte sich schon den dazu zu erwartenden Kommentaren aussetzen? Immer ist der Umgang mit Postings eine Herausforderung. Rechtlich, ethisch, personell. Derstandard.at muss bis zu 20.000 User-Kommentare pro Tag (!) managen. Das bindet Ressourcen. Und wirft die Frage auf, ob Aufwand, Nutzen und möglicher Schaden in richtigem Verhältnis stehen. Ja, viele Postings bringen viele Zugriffe; und die Möglichkeit, mitzureden, bindet LeserInnen. Das Ideal ist Kommunikation auf Augenhöhe, De-Hierarchisierung, Partizipation, Diskurs, ergänzende Expertise und Transparenz. Wie jeder Leser enthemmter Forenkommunikation weiß, bringt die Realität mehr: Herabsetzungen, Beleidigungen, unsachliche Unterstellungen, gar Drohungen und Vulgaritäten „Jenseits des Anstandsgürtels“, wie Julya Rabinowich schreibt. Was Wunder, dass immer mehr in Frage gestellt wird, ob die Möglichkeit der unmittelbaren Kommentierung nicht unverhältnismäßig viel Schaden an Glaubwürdigkeit und Reputation, an Inhalt des Geschriebenen und Persona des Schreibenden anrichtet.

YouTube sortiert, HuffPo beschränkt, PopSci sperrt Kommentare

Diese Woche ist die Diskussion über den Umgang mit Kommentaren wieder aufgepoppt. Popular Science, das renommierte 1872 gegründete populärwissenschaftliche Magazin, hat Mitte dieser Woche überhaupt seine Foren geschlossen. Die Kommentare seien zur Plattform geworden für genau jene Ansichten, gegen die das Medium seit seiner Gründung ankämpft, schreibt Online-Chefin Suzanne LaBarre: „Comments can be bad for science. That’s why, here at PopularScience.com, we’re shutting them off.” So radikal machen es nur wenige. Der Trend: Mehr Filter, mehr Moderation (das bedeutet natürlich auch höheren Zeiteinsatz), und vor allem: Weg von der Möglichkeit zum anonymen Posten (soweit das überhaupt möglich ist). Auch YouTube hat jetzt seine Politik geändert: Die Kommentare erscheinen nicht mehr chronologisch, sondern werden anhand verschiedener Faktoren sortiert. Unter anderem werden jene Kommentare, die von den eigenen Google+ Kontakten kommen, höher gereiht. Das könnte zu stärkerer Verwendung von Echtnamen oder einer stärkeren Zuordnung der Kommentare zu Online-Identitäten führen, was viele für ein probates Mittel zur Zügelung enthemmter Rüpelei halten. Die Anonymität sei eines der Prinzipien des Netzes, meinen dann Kritiker (und fördern die Praxis ganz gezielt, siehe Gawker); sie verleite zu schlechtem Benehmen, argumentieren die anderen. „Trolle werden immer aggressiver (…), es gibt Vergewaltigungs- und Morddrohungen“, sagte Arianna Huffington neulich. Und kündigte das Ende der anonymen Postings auf HuffingtonPost.com an, auf jenem Medium, das User-Engagement zum Gründungsprinzip hat. Nicht die Anonymität sei das Problem. Onlinemedien müssten schlicht mehr Verantwortung übernehmen, meint Ingrid Brodnig, Falter-Journalistin, die gerade ein Buch zum Thema schreibt. Der Falter selbst fordert in seiner aktuellen Ausgabe: „Die Schließung aller anonymen Poster-Foren“. Zumindest eine Rechnung geht auf: Gleich bricht dazu eine heftige Diskussion unter Twitter-Usern aus – immerhin, die Mehrzahl nicht anonym.

Schließen? Echtnamen? Oder was?

Der Diskurs über Online-Diskurse wird noch lange nicht abgeschlossen, eine ideale Lösung nicht gefunden sein. Für den Journalismus und die Posting-Policy von Medienunternehmen bedenkenswert erscheinen mir à la longue vor allem zwei Aspekte:

1) Beeinflussen Erfahrungen mit Postings schon vorab die Art der Präsentation von Nachrichten? „Natürlich geht es nicht spurlos an den Redaktionen vorbei, wenn ihnen Hass aus dem Netz entgegenschäumt“, so Nina Pauer, Redakteurin im Feuilleton der Zeit. Zeitungen und Sender liefen dadurch Gefahr, zu verlieren, „was sie unterscheidet vom digitalen Nachrichtenstrom: ihren Überblick, ihre Gelassenheit und ihre Autorität“.

2) Und: Beeinflussen Postings die Glaubwürdigkeit der Nachrichten? Kommentare – wohlgemerkt ihr Tonfall, nicht vorrangig ihr Inhalt – verändern erwiesenermaßen die Interpretation der Artikel. Damit laufen Redaktionen Gefahr, dass ihre Glaubwürdigkeit, jenes wertvolle Gut von Medienmarken, unterminiert wird.

Wie sichergestellt werden kann, dass Maden, für manche durchaus Delikatesse, anderen das Steak und seine schmackhafteren Beilagen nicht verderben, ist deshalb für Redaktionen eine entscheidende strategische Frage.




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