Wie wir Journalist*innen relevant bleiben

Wie kann Ausbildung, Bildung, Studium den Beruf der Journalist*innen und die Aufgaben des Journalismus in der Gesellschaft stärken? Ein Gastbeitrag von fjum_Vorstandsmitglied Univ.-Prof. Dr.  Klaus Meier.

Seit vielen Jahren diskutieren wir über die Journalistenausbildung: Es gibt eine Vielzahl an Ideen und Konzepten – und Studien, die den Wandel analysieren. Zu den klassischen journalistischen Kompetenzen sind neue Kompetenzen hinzugekommen: Technik und Gestaltung, Crossmedialität, Diskurskompetenz im Umgang mit einem aktiven Publikum, Organisations- und Management-Kompetenz – bis zu Unternehmerkompetenz. Journalisten sollen immer wieder neue Tools und Techniken lernen, zum Beispiel Datenjournalismus oder VR.

Das ist alles richtig und wichtig. Aber das Wichtigste überhaupt dürfen wir dabei nicht vergessen: Das Wichtigste ist der Kern des Journalismus. Journalismus muss leisten und Ausbildung muss vermitteln, trainieren und reflektieren, was Journalismus im Innersten ausmacht.

In unserer komplexen Medienwelt hat Journalismus das Informationsmonopol verloren. Wirtschaft und Politik, Unternehmen, Regierungen, Parteien und Politiker, Organisationen, NGOs und Vereine – aller kommunizieren inzwischen selbst erfolgreich mit ihren Zielgruppen, und sie imitieren dabei Journalismus, um Publikum zu erreichen. Beispiel aus dem Wirtschaftsbereich ist das Corporate Publishing, das neuerdings Content Marketing genannt wird. Beispiel aus dem Politikbereich sind die geplante Nachrichtenzentrale der AfD oder das gezielte Journalistenbashing rechtspopulistischer Politiker wie Donald Trump oder der vielen kleinen Trumps auch in Europa, Deutschland und Österreich. Ziel ist es, Journalismus zu umgehen, zu verunglimpfen und dadurch zu marginalisieren.

Lebenswichtig für eine erfolgreiche Demokratie

Doch was macht Journalismus im Kern aus? Was ist der Unterschied zwischen Journalismus und Nicht-Journalismus? Warum brauchen wir Journalismus überhaupt in der Gesellschaft? Journalismus als immerwährendes Projekt der Aufklärung ist lebenswichtig für das Funktionieren einer erfolgreichen Demokratie und dient dem öffentlichen Interesse. Deshalb ist Journalismus etwas grundlegend Anderes als alle anderen Kommunikationsformen und muss unterschieden werden von Berufswegen in PR, Werbung, Marketing oder allem möglichen Digitalexpertentum.

Journalismus agiert nicht im Interesse von Auftraggebern, sondern im Interesse der Bürger und der Gesellschaft. Zentrale Aufgabe des Journalismus in pluralistischen, offenen Gesellschaften ist es deshalb, einer differenzierten Gesellschaft mit einer Vielzahl an Stimmen Orientierung zu geben, eine gemeinsame Öffentlichkeit herzustellen und dazu beizutragen, dass die Grundwerte demokratischer Gesellschaften, nämlich Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität verwirklicht werden. Letztlich muss sich Journalismus immer auch als Hüter der Demokratie verstehen: Demokratie ist keine Selbstverständlichkeit und nicht auf Ewigkeit garantiert. Eine neue Faszination des Autoritären, die Wiederbelebung alter Ressentiments, die Diffamierung Andersdenkender, das Irrationale der so genannten alternativen Fakten, eine entmenschlichende Sprache – gegen all dies muss Journalismus aus Prinzip argumentieren, aufdecken und erhellen. Und nicht aus vermeintlicher Objektivität dies auch noch transportieren.

Wem nützt die Kommunikation?

Um eines gleich vorweg zu nehmen: Ich plädiere nicht dafür, dass Journalismus grundsätzlich in anderen Studiengängen zu lehren ist wie die anderen Kommunikationsberufe, aber eine vernünftige Trennung in einem Studiengang oder zumindest der dauerhafte Hinweis darauf, dass Journalismus andere Ziele hat als alle anderen Kommunikationsberufe ist enorm wichtig. Bei allen Projekten mit Studierenden – auch mit Volontären zum Beispiel in Verlagen, die neben Journalismus auch Content Marketing anbieten – sollte klar sein, was die Kommunikationsziele sind: Cui bono? Wem nützt die Kommunikation? Einem Auftraggeber oder einer aufgeklärten Öffentlichkeit? Praktische Studienprojekte sind umso wertvoller je mehr sie der Aufklärung dienen – und nicht nur je mehr neueste Technologien sie einsetzen. Der erfahrene Journalistik-Professor Kenneth Starck von der University of Iowa hat vor kurzem geschrieben: „Remember that technology is a tool, that means not the end.“

Soweit die Grundthese. Ich möchte dies nun anhand von konkreten Beispielen aus der Journalistenausbildung ausführen. Eine Frage wird begleitend dabei sein – und diese Frage sollte uns grundsätzlich immer wieder antreiben: Wie kann Ausbildung, Bildung, Studium den Beruf des Journalisten und die Aufgaben des Journalismus in der Gesellschaft stärken?

  1. Journalismus ist nicht nur Handwerk, sondern auch Kopfwerk. Es muss bei jeder Ausbildung genug Raum für eine wissenschaftliche Basis geben, zum Beispiel zu den Aufgaben des Journalismus und davon abgeleitet zu Qualität und Ethik des Journalismus. Dazu gehört auch genug Raum für Reflexion.
  2. Journalistenausbildung darf auch anecken, Universität, Stadt und Umfeld müssen Journalistenausbildung aushalten. Wir haben im Bachelorstudiengang ab und an Konflikte um kritisch recherchierte Geschichten. Konflikte entstehen zum Beispiel, wenn Studierende Missstände aufdecken, die andere lieber unter der Decke halten wollen – und wir diese Recherchen in studentischen Magazinen veröffentlichen. Konflikte können auch entstehen, wenn Studierende Fehler machen. Sie müssen Fehler machen dürfen. Aber wir müssen die Fehler intern diskutieren und öffentlich korrigieren, wenn es um Publikationen geht. Studierende müssen den Umgang mit Fehlern und mit Fehlerkorrektur lernen.
  3. Wir brauchen mehr angewandte Forschung in Form von Projekten mit Studierenden und Kooperationspartnern. In unserem Master-Studiengang Journalistik mit Schwerpunkt Innovation und Management zum Beispiel gehen wir häufig der Frage nach, wie Journalismus auf Basis von Forschung, also evidenzbasiert, besser werden kann: „Wie können Redaktionen besser organisiert werden?“, das ist eine Frage, der wir zum Beispiel mit dem „Bayerischen Rundfunk“ oder den „Nürnberger Nachrichten“ nachgegangen sind. „Welche neuen Formate eignen sich besser für das Storytelling journalistischer Themen?“, diese Frage versuchen wir in Kooperation mit dem „Spiegel“ zu beantworten. Beispiele sind hier Multimedia-Storytelling oder neue Audio-Podcast-Formate.
  4. Kommunikationswissenschaftliche Theorie erweist immer wieder als eine gesunde Basis für Qualitätsjournalismus. Ein Beispiel aus jüngster Zeit: Wir wissen aus der Wirkungsforschung, dass über Sprache sogenannte Frames, also Deutungsmuster, im Gehirn aktiviert werden. Die unkritische Übernahme von Frames von rechtspopulistischen Parteien, Politikern und Gruppierungen zum Beispiel in Sendungstiteln von Talkshows oder in Nachrichtenbeiträgen mit Statements von Politikern, ist gefährlich für den demokratischen Diskurs und die Meinungs- und Willensbildung. Beispiele sind Begriffe wie „Asyltourismus“, „Asylgehalt“ oder „Belehrungsdemokratie“ – oder die sprachliche Separierung in „Wir und die anderen“, was häufig bei der Thematisierung von Religion passiert und Menschen muslimischen Glaubens narrativ ausgrenzt, wenn zum Beispiel die ARD-Talkshow-Moderatorin Sandra Maischberger fragt: „Sind wir zu tolerant gegenüber dem Islam?“. Aufklärung heißt, Frames zu hinterfragen und differenziert offenzulegen. Eine Beschäftigung mit Theorie und Wirkung von Frames und Narrativen sowie mit der Analyse von Stereotypen gehört zur Grundbildung von Journalisten, damit sie sensibel und hellhörig damit umgehen können.
  5. In unserer komplexen Medienwelt ist das Thema Medienkompetenz zunehmend auf die Agenda der Bildungspolitik gekommen. Und es gab und gibt zahlreiche verdienstvolle Aktivitäten. Allerdings muss sich auch der Journalismus viel mehr darum bemühen, dass Nachrichten verständlicher werden und dass die Menschen besser dazu in der Lage sind, Journalismus von Nicht-Journalismus zu unterscheiden, also geprüfte Nachrichten von Spekulationen, Gerüchten und Unterstellungen, sowie interessengeleitete Informationen zu erkennen – von schlichter PR bis hin zu gefährlicher Propaganda und Verführung.

Das heißt, Journalismus muss einer gestärkten Medienkompetenz entgegenkommen. Der New Yorker Journalistik-Professor Tom Rosenstiel hat dazu den Begriff „organic news fluency“ eingeführt. Wenn Journalismus sich stärker öffnet, Nachrichten und ihr Zustandekommen besser erklärt, Hintergründe und Entwicklungen aufzeigt – dann stärkt das die Medienkompetenz: „Die Menschen werden fähigere Nachrichtennutzer – organisch und instinktiv – wenn Journalisten Geschichten anders bauen und hinter die traditionelle Nachrichtenstruktur blicken.“ Journalismus muss sich weiterentwickeln Was heißt das für die Ausbildung? Wir müssen stärker nicht nur abbilden und trainieren, was Journalismus schon immer war, sondern kreativ weiterentwickeln und dazu forschen, wie man Nachrichten und journalistische Geschichten besser erzählen kann, wie Journalismus seine Aufgaben in der Gesellschaft noch besser erfüllen kann. Ein schon lange problematisches Nachrichtenmuster ist zum Beispiel das, was man in den USA als „he said – she said-Journalism“ bezeichnet, also das Senden oder Zitieren von Politiker-Soundbites. Damit bleibt das Publikum oft ratlos zurück. Womit helfen wir also den Menschen in ihrer Medienkompetenz? Dazu drei alternative Möglichkeiten, die traditionelle Nachrichtenstruktur aufzubrechen.

  1. Transparenter Journalismus: Transparenz hat zwei Dimensionen: Auf Produkt- und Beitragsebene benennen Journalisten ihre Quellen und deren Interessen. Sie legen offen, was sie wissen und was sie nicht wissen. Auf Prozess-Ebene oder Ebene redaktionellen Entscheidens werden redaktionelle Themenauswahl, -platzierung und -bewertung begründet und erklärt. Redaktionen dürfen nicht aufhören, immer wieder Quellen kritisch offenzulegen, Hintergründe redaktioneller Arbeit zu erklären und Fehler einzugestehen. Es geht also nicht um eine glatte Marketing-Oberfläche gegenüber dem Publikum, sondern um ein offenes Visier. Und am besten ist es, wenn Transparenzinitiativen mit Qualitätsmanagement in der Redaktion Hand in Hand gehen.
  2. Erklärjournalismus: Im zunehmenden Tempo des Echtzeit-Journalismus werden für Leser, Zuschauer, Zuhörer und Nutzer viele Fragen aufgeworfen, die unbeantwortet bleiben – wenn man sich streng an die klassischen Nachrichtenformate hält. Dadurch entstehen Unsicherheit und ein Hunger nach Erklärung und nach Zusammenhängen („Kontext“). Der BBC-Report „Future of News“ bringt die Formate des Erklärjournalismus mit „What Does It All Mean-Journalism“ auf den Punkt. Mehr Erklärstücke gehören in jedes Nachrichtenangebot aller Medienplattformen. Nachrichtenangebote für Kinder machen vor, wie aktuelle Themen so erklärt werden können, dass sie auch ohne Vorwissen verstanden werden können. Nicht zuletzt deshalb sind diese Sendungen auch bei Erwachsenen beliebt. Den klassischen Nachrichten können häufig nur Menschen folgen, die regelmäßig die betreffenden Themen im Auge und im Gedächtnis behalten, weil zu viel Vorwissen (zum Teil aus der Berichterstattung der Vortage) verlangt wird. Beispiele für neue Formen des Erklärjournalismus sind die so genannten „Explainers“ des 2014 gegründeten Startups Vox.com. Oder #kurzerklärt der digitalen „Tagesschau“, der zum Beispiel auf Instagram gut funktioniert. Oder das 2015 eingeführte Format von „Spiegel online“ „endlich verständlich“.
  3. Konstruktiver Journalismus: Bei diesem Berichterstattungsmuster werden Probleme nicht nur kritisch recherchiert und dargestellt, sondern Journalisten begeben sich zudem auf die Suche nach Lösungen, Perspektiven oder Hoffnung. Zu den klassischen W-Fragen kommt eine weitere W-Frage: Was jetzt? Wie weiter? Wir haben in mehreren Studien in unserem Masterstudiengang herausgefunden, dass die Leser oder Hörer es merken, wenn diese Aspekte in einen Beitrag einfließen und dass sie danach weniger ratlos- und hilflos zurückbleiben, sondern hoffnungsvoller und freudiger. Aber sie erwarten diese hoffnungsvolle Perspektive gar nicht, weil sie an destruktive Nachrichten gewöhnt sind.

Fazit

Journalismus ist mit vielen Projekten und Aktivitäten auf gutem Wege in diese Richtung. Die Lügenpresse-Hysterie der vergangenen Jahre mit der Erzählung einer angeblichen Entfremdung zwischen Journalismus und Publikum hat dazu geführt, dass etliche Redaktionen noch mehr auf Fakten, Recherche und Transparenz achten – und dass das Bewusstsein in der breiten Bevölkerung gestiegen ist, welchen Wert Journalismus für die Gesellschaft hat. Wie sehr kann man bei wirklich wichtigen Dingen den Medien vertrauen, fragt eine Langzeitstudie der Universität Mainz. Man kann „eher“ oder „voll und ganz“ vertrauen, sagen 2017 42 Prozent. 2008 waren es noch 29 Prozent, 2015 nur 28 Prozent.

Die Bevölkerung in Deutschland ist sich dabei bewusst, dass Redaktionen auch Fehler machen – zumal in einem schnellen Tages- und sogar Minutengeschäft. Eine gute Bildung vermittelt auch eine gesunde Skepsis; davon lebt die Demokratie. Sie braucht ein Nachrichten-Ökosystem, in dem ein offener, aufklärender und erklärender Journalismus auf ein kritisch-wohlwollendes Publikum trifft. Die Verantwortung dafür liegt auf beiden Seiten.

Insofern bleiben Journalismus und die Ausbildung für den Journalismus relevant, wenn wir die Herausforderung annehmen, Journalismus im Kern zu stärken und seine Aufgaben für Gesellschaft und Demokratie in den Mittelpunkt zu stellen. Wenn wir Qualität und Ethik des Journalismus an diesen Aufgaben messen. Und wenn wir Journalismus klar unterscheiden und unterscheidbar machen von anderen Kommunikationsarten. Dies auch in den Fällen, in denen wir neue Technologien nutzen. (Klaus Meier, 30.7.2019)

Der Beitrag erschien am 30.Juli 2018 im fjum_Blog „Medientrends“ auf www.derstandard.at/etat.




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