#MID16: THE STATE OF VR

Der Media Innovation Day 2016, veranstaltet von fjum_wien und VRAA,  hat wieder namhafte internationale Experten zusammengebracht. Diesmal drehte sich alles um Virtual Reality (VR) und 360°. Um die Chancen, Versprechen und Herausforderungen im Umgang mit dieser Technologie, aber vor allem auch um die Anwendungsmöglichkeiten dieses Mediums im Journalismus.

Von Leo Lettmayr | @LLettmayr


Dabei reichten die Veranstaltungsinhalte vom Überblick über Technologien und Anwendungen, über Workshops und Demos, bis hin zur Präsentation einer Gallup-Studie zu Bekanntheit und Akzeptanz von VR in Österreich. Anhand bereits realisierter Projekte wurden Produktionsprozesse und die damit verbundenen Herausforderungen diskutiert.

Jean Yves Chainon, OOAWorld

 

Einsicht #1

Nicht: Wieso braucht Journalismus VR?; Sondern: Was kann Journalismus mit VR erreichen?

Wie Der Standard im Interview mit Keynote-Speaker, Robert Hernandez von der Universität Annenberg, zum Anlass des Media Innovation Day 2016 anmerkt: Die Frage, warum Journalismus VR braucht, ist die falsche Frage. VR setzt sich gerade, in der einen oder anderen Form, durch. Eine solche Technologie zu ignorieren ist gefährlich und könnte dazu führen, dass Journalismus den Anschluss verpasst.

Hernandez betont: Radio hat 38 Jahre gebraucht um 50 Millionen Menschen zu erreichen. TV 14 Jahre. Internet 4 Jahre und Facebook 2 Jahre. Es geht immer schneller. Auf Disruption kann man reagieren – besser ist es aber Teil einer solchen zu sein.

Die Frage muss also sein: Was kann Journalismus mit VR erreichen?
Auch wenn die Frage aktuell noch nicht beantwortet werden kann – jetzt müssen wir experimentieren. Kreativität ist gefragt, wie etwa bei diesem Projekt der Zürcher Hochschule der Künste oder der journalistischen Arbeit von Nonny de la Peña.

 

Einsicht #2

Ein alter Traum in neuer Qualität

Während Virtual Reality von vielen als eine ‘neue’ Technologie bezeichnet wird, ist sie eigentlich schon recht alt. Geprägt wurde der Begriff 1987 von Jaron Lanier. Die Vorstellungen und Träume zu Anwendungsmöglichkeiten sind noch älter und Gegenstand zahlreicher Romane und Filme. Snow Crash und Ready Player One sind nur zwei der prominentesten Beispiele. Und doch ist die Geschichte von VR gekennzeichnet von Enttäuschungen.

Heute aber – so #MID16-Speaker Hernandez – stehen wir an einem Wendepunkt. Vor allem die Oculus Rift kann als Meilenstein gesehen werden.

 

Einsicht #3

Eine andere Zukunft als erwartet

Viele der Träume und Vorstellungen davon, was VR sein sollte, limitieren uns und sind häufig auch gar nicht umsetzbar.Die virtuelle Realität ist eine Simulation, die lediglich nahe an ‘der Realität’ sein kann. Vor allem aber sind ihre Möglichkeiten noch weitgehend unerforscht. Angesagt ist Experimentierfreude. Wir stehen erst am Anfang, so Alexander Knetig von ARTE Creative, sogar vielleicht erst dort, wo der Film stand, kurz nachdem die Brüder Lumiére 1896 die Ankunft eines Zugs filmten. VR ist heute erst eine Brückentechnologien – von der wir lernen können.

 

Einsicht #4

Hier, aber noch nicht angekommen

Auch wenn die Geschwindigkeit mit der sich Medien verbreiten, inzwischen enorm ist, so ist VR doch noch nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Eine aktuelle Studie des österreichischen Gallup Instituts, am Media Innovation Day 2016 von Andrea Fronaschütz präsentiert, zeigt, wie wenig viele noch von der Technologie wissen und welche Skepsis hinsichtlich der Nutzung und einiger Anwendungsgebiete besteht.

 

Einsicht #5

Es ist wichtig zu wissen, was man tut

#MID16 Speaker Jean-Yves Chainon betont: Vorsicht ist geboten, denn der psychologische Eindruck von VR-Erlebnissen kann groß sein, ebenso die physiologische Auswirkung. VR-Pionierin Nonny de la Peña hat eine zentrale Regel auf den Punkt gebracht: “Don’t make people throw up.”

Dazu ist es vor allem wichtig, die Tücken der technischen Umsetzung zu kennen, sich schrittweise mit diesen vertraut zu machen und Menschen zu warnen, wenn die Gefahr besteht, dass die Erlebnisse sie überwältigen.

Wie die von Fronaschütz präsentierte Gallup Studie nahelegt: Viele haben noch Skepsis gegenüber unangenehmen Erlebnissen in virtuellen Realitäten. Sie ungewollt mit solchen zu konfrontieren, kann negative Folgen haben. – Der Markt ist, so Fronaschütz, noch lange “keine g’mahte Wiesn.”

Dabei bewegt sich das Feld so schnell, dass es schwer sein kann den Überblick zu behalten. Diese Cover-Story von Wired USA vom Mai 2016 gibt einen guten Überblick für Interessierte. 

 

Einsicht #6

Egal wie gut die technische Umsetzung ist, die Qualität des Contents ist zentral

“Content is king.” – “Eine gute Geschichte ist eine gute Geschichte; unabhängig von Medium, Format oder Technologie.” – Das gilt auch für Virtual Reality.

Wie Alexander Knetig betont, muss man immer fragen, ob solche Technologien einen Mehrwert bringen. Wenn nicht, ist es besser bei klassischem Video zu bleiben. Wie Chainon es ausdrückt: Wenn es zu Journalismus kommt, dann ist eine der große Chancen, Content zu vermitteln, der sonst nicht adäquat vermittelt werden kann. Dazu muss man laut Thomas Seifert von der Wiener Zeitung journalistische Stoffe finden, die sich sich mit diesem Medium ideal umsetzen lassen und experimentieren, wie sich diese mit VR und 360° optimal vermitteln lassen.

 

Einsicht #7

VR: Überwiegend noch ein konzeptionelles Feld

Für Knetig befinden wir uns, was Virtual Reality angeht, noch in einer konzeptionellen Phase. Wir wissen, in seinen Worten, noch nicht wirklich was immersives Medium eigentlich bedeutet. Jedenfalls müssen wir lernen Geschichten anders anzudenken, um das Medium auszuschöpfen und anders als gewohnt zu visualisieren. Was genau funktioniert, ist noch unklar. Eher wissen wir was wir nicht tun sollten. Einige Anhaltspunkte gibt es zum Beispiel in diesem Video Tutorial. Wie Storytelling in VR gehen kann, erläutert Marcus Bösch, der beim Media Innovation Day einige Teilnehmer in Praxis-Workshops bei der Konzeption von VR-Projekten begleitet hat, hier.

Dabei stellt sich laut Knetig auch die Frage, ob der Journalismus ein so experimentelles Feld nicht der Videospiel-Industrie überlassen sollte. Noch ist die Eintrittsschwelle recht hoch, die Anzahl der Rezipienten gering und große Investitionen – von rund 500.000 für 15 Minuten qualitative VR – die nötig sind, um solche Inhalte hochwertiger Art herzustellen. Für Seifert ist der Königsweg, Kooperationen einzugehen, da In-House-Expertise aufzubauen zu aufwendig sein kann. Für die Wiener Zeitung und ihr Projekt eXodus hat man sich zum Beispiel mit der Produktionsfirma VRisch zusammengetan.

Jedenfalls können, so Chainon, Erfahrungswerte, gründliche Planung und durchdachte Ausführung – vor allem auch für Ton und Licht – viele zeit- und kostenintensive Probleme in der Post-Produktionsphase und unangenehme Effekte im Rahmen der Rezeption minimieren.

 

# Ein letzter Punkt

“echt cool, echt geeky, echt future” @hubertweitzer

unbenannt

Der Tweet von Hubert Weitzer zum Media Innovation Day 2016 (#MID16) bringt es auf den Punkt: Wir verstehen vielleicht noch nicht wirklich, was hier passiert, aber es begeistert und alles deutet darauf hin, dass die Technologie da ist, um zu bleiben – auch wenn sie aktuell eher ein kleineres Publikum erreicht. Zukunft kommt heute schneller als je zuvor.

 

Die Speaker des Media Innovation Day 2016:

Robert Hernandez [USC Annenberg; JoVRnalism]
http://blog.webjournalist.org/; http://annenberg.usc.edu/faculty/journalism/robert-hernandez; @webjournalist; @vrjournalism
>>> Hier geht es zur #MID16-Präsentation von Robert

Andrea Fronaschütz [Gallup Institut Österreich]
http://www.gallup.at/home/
>>> Hier geht es zur Gallup-VR-Studie

Jean Yves Chainon [Global Editors Network; OOAWorld]
http://www.globaleditorsnetwork.com, http://www.ooaworld.com; http://jychainon.com/; @OOAworld

Marcus Bösch [Vragments; The good Evil]
https://vragments.com/; http://thegoodevil.com/; @m_boesch

Stephan Gensch [Vragments]
https://vragments.com/; @HelrenPDM

Loic Suty [Turbulent]
http://www.turbulent.ca/; @loicsu

Alexander Knetig [ARTE Creative]
http://creative.arte.tv/de; @aknetig

Andreas Fraunberger [Junge Römer]
http://www.jungeroemer.net; @jungeroemerwien

Philipp Koenig  [Junge Römer]
http://www.jungeroemer.net; @jungeroemerwien

Thomas Seifert [Wiener Zeitung]
http://www.wienerzeitung.at; @thomasseifert

Daniela Kraus [Fjum] [Moderation]
http://www.fjum-wien.at; @fjumwien

 

Infomaterial:

Einen Überblick über Apps, Brillen und 360°-Kameras von Robert Hernandez gibt es hier [bit.ly/vrtipsheet]. Einen umfassenderen Überblick über 360°-Kameras hier [https://thefulldomeblog.com/2015/11/17/collection-of-360-video-rigs/] und einen Überblick über die gesamte Industrie in einer Infografik hier [http://www.thevrfund.com/wp-content/uploads/vrf_vr_industry_june_sm-1024×832.png]. Ein Glossar zentraler Begriffe findet man zum Beispiel hier [https://www.freeflyvr.com/virtual-reality-glossary/]. Interviews mit hunderten VR-Experten hier. [http://voicesofvr.com/]

Einige ausgewählte Projekte:

The Guardian: 6×9: https://www.theguardian.com/world/ng-interactive/2016/apr/27/6×9-a-virtual-experience-of-solitary-confinement

BBC: We Wait: http://www.bbc.co.uk/taster/projects/we-wait

Nonny de la Pena & Virtual Pyedog & USC Annenberg & MxR Lab: Hunger in Los Angeles: http://www.immersivejournalism.com/hunger-in-los-angeles-machinima-video/

ARTE: Notes on Blindness: http://notesonblindness.arte.tv/de/  

NFB / ONF & Turbulent: The unknown photographer: http://unknownphotographer.nfb.ca/

Wiener Zeitung & VRisch: eXodus: http://www.wienerzeitung.at/_wzo_daten/media/Storytelling/vr/index.html

The Void: https://thevoid.com/

NYT: The Displaced: https://www.youtube.com/watch?v=ecavbpCuvkI

USC Annenberg [Aufbauend auf einem Projekt von ProPublica und The Texas Tribune]: Hell and High Water: http://www.vrjournalism.io/tag/hell-and-high-water/ bzw. https://projects.propublica.org/houston/

Demoines Register: Harvest of Change: http://www.desmoinesregister.com/longform/money/agriculture/2014/09/04/harvest-of-change-virtual-farm-day-3/15110421/

Here be Dragons: Clouds over Sidra: http://with.in/watch/clouds-over-sidra/

ARTE: Polar Sea 360°: http://polarsea360.arte.tv/de/

AP: Seeking Home: Life inside the Calais Migrant Camp: https://www.youtube.com/watch?v=YKPDIUH9-Y8

The Verge: Michelle Obama 360: https://www.youtube.com/watch?v=0QY72R3ZDzw

ABC NewsVR & Jaunt VR: Inside North Korea: https://www.jauntvr.com/title/f81fc63d1d

Immersiv.ly: Hong Kong Unrest: http://hongkongunrest.com/

Los Angeles Times: Mars Gale Crater VR: http://graphics.latimes.com/mars-gale-crater-vr/

PBS Frontline & Outbreak: Ebola Outbreak: https://play.google.com/store/apps/details?id=com.frontline.ebolaoutbreak&hl=en

USA Today: http://www.usatoday.com/vrstories/

Sports Illustrated: Swimsuit Edition in 360°: http://www.si.com/swimsuit/2016/virtual-reality

Al Jazeera America & Emblematic Group: Kiya: https://emblematicgroup.squarespace.com/#/kiya/

BBC: Meet the largest dinosaurs ever discovered: https://www.youtube.com/watch?v=rfh-64s5va4

Ben Kreimer: Apartments falling into the ocean: https://www.youtube.com/watch?v=BOMn-vRua9M

Cronkite Border VR: https://itunes.apple.com/us/app/cronkite-border-vr/id1061660262?mt=8

…und alles auf der VRSE-App, die jetzt WITHIN heißt. http://www.with.in




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