Publikum auf Augenhöhe mit Medien

Das war der Audience Engagement Day 2018

Teresa Arrieta

Früher war es der abgedruckte Leserbrief, heute ist es das selbstaufgenommene Video, das von einem Online-Medium veröffentlicht wird, oder die selbst gestaltete SchülerInnen-Seite einer Zeitung. Audience Engagement, also die Einbindung des Publikums, hat viele Gesichter. Heute kann der Aufruf zu Partizipation und Mitgestaltung zum maßgeblichen Erfolgsbaustein eines Mediums werden, denn alle möchten ihr Publikum erreichen, Vertrauen schaffen und LeserInnenbindung erzielen, wie fjum Geschäftsführerin Daniela Kraus erläutert.

 

Um diese Interaktion zu stärken, organisierte fjum nun bereits zum zweiten Mal das fünfmonatige Lernlabor Audience Engagement. Höhepunkt und Abschluss war der Audience Engagement Day 2018, der am 23. Jänner im ORF Zentrum Wien stattfand. Antonia Chott war Teilnehmerin des Lernlabors.


Noch in den 70ern und 80ern waren die medialen Fronten klar geregelt: die Medien genossen Vertrauen und erklärten die Welt. Dieses Autoritätsgefälle zerfiel in den 00er Jahren. Der Rechtspopulismus stellt Medien nun unter Generalverdacht – siehe die Angriffe auf den ORF.  Die aufklärerische Funktion von Leitmedien wird durch parteipolitische Social-Media Aktivitäten untergraben. „Damit sich Menschen hier weiterhin angesprochen fühlen, sind Medien gefordert, ihnen Mittel in die Hand zu geben, um sich einzubringen und Selbstwirksamkeit zu erleben“, erläutert Josef Seethaler von der österreichischen Akademie der Wissenschaften. Negative Emotionen dürften von den Medien nicht ignoriert werden, sondern es bedürfe respektvoller Mittel der Einbindung.

Audience Engagement Day 2018

Best practice Beispiel wären hier etwa „President Trump, at his best and worst“ der Washington Post, wo Leser Beispiele für schlecht, aber auch gut bewertete Aktionen des Präsidenten in einer Tabelle online auflisten. Und Leonard Novy vom Kölner Institut für Medien- & Kommunikationspolitik bringt das Beispiel von „Spaceship Media – Journalism to bridge divides“ – ein Start Up, das in den US Vorwahlzeiten moderierte Facebook-Gruppen zwischen Trump-Gegnern und Befürwortern anbot und so Menschen dazu brachten, respektvoll miteinander zu diskutieren, trotz aller Divergenzen.

Novy moniert, dass Medien meist elitär und selbstreferentiell agierten und fordert mehr soziale und ethnische Diversität in den Redaktionen: „Ein Weitwinkeljournalismus tut Not“, so Novy. Medien, die das in Österreich längst praktizieren sind Community-Medien wie Radio Orange oder Okto-TV. Mit der Sendereihe „Okto wird laut“ wurde das Publikum eingeladen, Statements für eine offene Gesellschaft abzugeben.

Audience Engagement Day 2018

Ingrid Gogl von den ÖBB unterstrich, dass es gerade für Bahnkunden wichtig sei, in den Social Media auf deren Anliegen einzugehen und rasch zu reagieren und Philippe Narval, Geschäftsführer des Europäischen Forum Alpbach berichtete, wie er die Vortragenden und damit auch das Publikum in den letzten Jahren sukzessiv verjüngte: Er bat die eigene interessierte Community analog aber auch online um Vorschläge für spannende ReferentInnen. Seine Empfehlung an die Medien: Es zu wagen, auf Tuchfühlung mit dem eigenen Publikum zu gehen, etwa auch, beratende Gremien zu installieren, die dann aber nicht aus jenen bestehen, die sich vordrängen, sondern nach dem Zufallsprinzip ausgewählt werden. Setting und Ziel müssten dabei transparent gemacht werden. Die AkteurInnen müssten im Voraus erfahren, was genau mit ihren Inputs passieren wird, um sich ernst genommen zu fühlen: Ein Journalismus auf Augenhöhe und mutige Medien, die sich darauf einlassen, so nennt es Pawel Kaminski von Radio Orange, Teilnehmer des Lernlabors.

Audience Engagement Day 2018




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