Was für ein Luxus!

HETZ0143Nana Siebert, Chefredakteurin von woman.at und Beirätin des fjum, war Festrednerin beim Abschluss des Zertifikatskurses Digitaljournalismus.

Die Laudatio im Wortlaut:

Trump twittert ein komisches Wort und wird dafür ausgelacht!
Linienrichterin verdreht Spielern mit nassem Shirt den Kopf.
Nackensteak für 1,99 Euro – was bitte läuft da schief?
Angriff auf Afghanistan-Soldaten: Dieses Schock-Video entsetzt die Welt!
Wie der Besuch bei einer Domina mein Sexleben verbesserte!
Und Spiegel Online rät: Stellen Sie sich doch einmal dumm!

Wenn man die Schlagzeilen der Online-Auftritte österreichischer und deutscher „Qualitätsmedien“ von heute liest, dann erscheint das, was der „Spiegel“ da empfiehlt, eigentlich gar nicht so schwer.

Liebe Absolventen, ihr Pioniere des Zertifikatslehrgang Digitaljournalismus!

Ihr durftet  jetzt ein halbes Jahr lang in eine geschützte Werkstatt. Was für ein Luxus!

Ihr durftet experimentieren, ihr konntet neue Formate ausprobieren, Fehler machen, experimentieren. Und ihr konntet mit Kollegen darüber jammern, wie es wirklich läuft, bei euch in euren Redaktionen.

Ist das gegenseitige Anjammern schlecht? Ach was. Manchmal ist es doch schon ganz tröstlich, wenn man erfährt, dass es in anderen Medienhäusern auch nicht wesentlich besser zugeht als am eigenen Arbeitsplatz.

Aber warum haben wir eigentlich immer noch so viel zu jammern?

Nun, in den Köpfen von etlichen Geschäftsführern, Chefredakteuren und auch Redakteuren sind immer noch Annahmen verfestigt:

  • Zeitung = gute Qualität. Online = minderwertige Qualität
  • Onliner sind keine echten Redakteure und recherchieren sowieso nicht
  • Online muss kurz sein, lange Inhalte zählen nicht
  • Ist aber auch wurst, weil: Online-Leser sind sowieso nicht so anspruchsvoll wie Print-Leser

Gut. Die eine Sache mag ja sein, dass wir uns in viel zu vielen Redaktionen weiterhin untereinander niedermachen, Print und Online einander scheel über den Flur hinweg ansehen und sich wechselseitig als „Minderleister“ bezeichnen. Das ist traurig, aber verkraftbar.

Nur einen Fehler sollten wir wirklich niemals machen: Zu glauben, dass der Leser nicht anspruchsvoll ist, bloß weil er uns auf einem anderen Kanal begegnet.

Und trotzdem verhalten wir uns so.
Zumindest in vielen Redaktionen, die ausschließlich nach Reichweite und den damit vermarktbaren Klicks gieren.

Nur ein Beispiel einer deutschen Frauenzeitschrift, die seit 1952 als Instanz für seriösen Lifestyle-Journalismus gilt. Eine große Marke, die in ihrem Magazin nach wie vor Wert auf gut recherchierte, ernstgemeinte Inhalte und Themen legt.

Was macht man bei diesem Titel online?

Klick-Köder, die selbst die dort arbeitenden Online-Redakteure manchmal schamrot werden lassen, die meisten ihre Stücke nicht mal mehr mit Namen zeichnen, weil sie sich schämen. So weit ist es schon gekommen. Journalisten schämen sich für ihre Inhalte. 

Ein Zitat: „Wir wissen eh, dass wir da lauter fiesen Trash bringen. Aber es bringt halt auch so verdammt viel Reichweite.“

Lasst mich zusammenfassen: Nach diesem Modell ist der beste Journalist, wer die Artikel der „Huffington Post“ am schnellsten übersetzt, den Ramsch als erster online zweitverwurstet.

Das klingt vielleicht flapsig und damit lustig.

Nur: Genau so wird bei etlichen Online-Portalen gearbeitet. Wenn man zu Mittag durchklickt, weiß man oft gar nicht, auf welcher Website man gerade ist  – weil viele denselben Trash bis zur absoluten Verwechselbarkeit durchs Dorf jagen.
Dafür braucht man keine Journalisten, dafür reichen Praktikanten. Das ist billig, die Verleger reiben sich die Fäustchen. Und vergessen, dass sie ihre Marken damit nachhaltig ruinieren. Doch am Ende bleibt bei immer mehr bespielten Kanälen nur das: Die Marke und die damit verbundenen Werte.

Doch es gibt auch eine andere Strategie. Man sieht sie international, man kann sie gelegentlich in Projekten erkennen, die noch nicht ausgeführt sind oder die sich bisher als ökonomisch noch nicht tragfähig erwiesen haben. NZZ.AT, zum Beispiel.

Die Idee hinter dieser Strategie ist, den Online-Konsumenten ernst zu nehmen, ebenso ernst wie man den Print-Leser – Käufer! – nimmt.

Es ist der Versuch, den Usern die es gewohnt sind, im Web nur Ramsch vorgesetzt zu bekommen, der sie nichts kostet und über den man sich deshalb auch nicht beschwert, klarzumachen: Hier ist die Premium-Zone.

Damit meine ich nicht alleine eine Bezahl-Schranke, ich spreche von Qualität im Netz.

Nur gibt es hier etwas, was Print nicht kann und nie können wird.

Es gibt eine bunte Welt voller Texte, Bilder, Videos, Karten, Animationen, Grafiken, wo eines ins andere greift und Sinn macht.

Hier ist der Ort, an dem Ihr zeigen könnt, nein: zeigen müsst!, was Ihr drauf habt!

Der Kern des Ganzen bleibt: Guter Journalismus. Hier darf es keine Nachlässigkeit geben bei der Überprüfung der Quellen, keine falschen Bilder, keine ungenauen Daten.

Aber es kommt noch mehr dazu: Ein hohes Maß an Kreativität, das den Journalismus unterstützt. Was kann ein Video alles? Wie kann man Daten verarbeiten, damit sie eine Geschichte erzählen?

Als der US-Baseballer Tony Fernandez am 15. Oktober 1997 seinen unglaublichen Home-Run schaffte, war das der New York Times das erstmals in ihrer Geschichte ein Farbfoto auf der Titelseite wert. Heute würde sie – was machen?  
Ein Video online stellen?
Eine Info-Grafik des Home-Runs mit Geschwindigkeit und Winkel und Entfernung und all dem? 

Eine AR-Anwendung, dank der der User den Run nachspielen kann?

Ich bin sicher, ihr könntet das nach einem halben Jahr Intensiv-Kurs am FJUM bereits mit 5 weit besseren Ideen als den von mir genannten umsetzen.

Denn ihr könnt beides: Multimedia – aber was noch viel wichtiger ist: Journalismus.
Ich gratuliere euch ganz herzlich.




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