Nachlese: Workshop Datenjournalismus

„Wenn Medien Datenschätze nicht heben, dann tun es eben andere“, meint Referentin Ulrike Langer beim ersten fjum-Workshop zu Datenjournalismus und zeigt an zahlreichen Beispielen, wo und wie die vielfältigen Möglichkeiten, aus langweiligen Datensätzen spannende Geschichten und neue Erzählformen zu entwickeln, eingesetzt werden.

Eine Redaktion, die das bereits erfolgreich tut, ist jene von Zeit Online. Deren Entwicklungsredakteur Sascha Venohr erklärt das Prinzip Datenjournalismus an Geschichten aus seiner Redaktion. Darunter die preisgekrönte und von BBC, Guardian, New York Times und anderen Medien aufgegriffene Story „Verräterisches Handy“ über Vorratsdatenspeicherung, die mit der Auswertung der Handy-Daten des Grünpolitikers Malte Spitz verdeutlicht, wie Datenjournalismus neue und einprägsame Perspektiven eröffnen kann. Dahinter stehe natürlich einiger Aufwand, so Venohr, seine Redaktion setze datenjournalistische Recherche und Aufbereitung daher ganz gezielt zur Umsetzung sehr genau ausgewählter, chancenreicher Projekte ein. Gearbeitet wird dabei durchgängig ressortübergreifend, ein eigenes Ressort „Datenjournalismus“ würde der Idee widersprechen: „Datenjournalismus ist schlicht eine Darstellungsform“, meint Venohr, und empfiehlt projekt- und themenbezogene Experimentierfreude.

Also experimentieren die siebzehn Teilnehmer und Teilnehmerinnen aus österreichischen und schweizer Redaktionen (Wiener Zeitung, Standard, Kurier, APA, Tages-Anzeiger, Berner Zeitung, SFR, Infel AG): Mit im Netz verfügbaren Daten über Militärausgaben der SIPRI Military Expenditure Database, Excel und den Fusion Tables von Google werden in erstaunlich kurzer Zeit Beispiele für #ddj (Data Driven Journalism) produziert.

Dann zeigt Walter Longauer, Grafikchef der APA, die aktuellen Datenprojekte der Presseagentur, und mit welchen Rohdaten und welchen Tools sie umgesetzt werden.

Ernüchterung im Datenrausch bringt in der Diskussion die Frage nach der Quellenkritik. Bei allem Enthusiasmus für die neuen Möglichkeiten bleiben journalistische Kernkompetenzen und kritische Fragen zentral: Woher kommen die Daten? In wessen Interesse wurden sie erstellt? Wie verlässlich sind sie, und wie kann das überprüft werden? Aber auch: Wie geht man mit der Eindeutigkeit um, die visualisierte Daten suggerieren? Kurz: Die Verantwortung wächst.

Und nicht  nur das, auch die Qualifikationsanforderungen in den Redaktionen werden vielfältiger, der Journalismus interdisziplinärer, Schnittstellenkompetenzen wichtiger. Benötigt werden Journalisten mit der Bereitschaft, in die Daten einzutauchen, sie zu interpretieren und die Geschichten herauszulesen; Grafikdesigner, die Informationsarchitekturen und Interfaces nutzerfreundlich entwerfen können; und Techniker, die spezielle Programmierungen umsetzen können.

Und was haben die Redaktionen von dem Aufwand, der dahinter steht? „Echte Reichweitenerfolge, Einzigartigkeit,  Reputationsgewinn und eine deutlich erhöhte Verweildauer“, sind sich Ulrike Langer und Sascha Venohr einig.

fjum bleibt dran: Weiterführende Seminarangebote zum Datenjournalismus ab 2012. Jeweils aktuell auf unserer Website, auf FB und Twitter.

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Am 18. November fand der Workshop „Geschichten erzählen mit Daten“, veranstaltet vom fjum in Kooperation mit dem MAZ – Der Schweizer Journalistenschule und gehostet von der Austria Presse Agentur statt. Die Referenten: Ulrike Langer, Medienjournalistin und Trainerin (Blog: medialdigital.de, @mauisurfer25) und Sascha Venohr, Entwicklungsredakteur bei Zeit Online (@venohr). Einen Überblick über die Entwicklungsarbeiten bei der APA gab APA-Grafikchef Walter Longauer.




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